27.07.2009

 

2008 gab die Schluchseewerk AG den geplanten Bau eines Pumpspeicherkraftwerks auf dem Hotzenwald bekannt. Direkt neben dem bereits bestehenden Hornbergbecken soll ein zweites, 1 Kilometer langes und fast 400 Meter breites Staubecken ohne natürlichen Zufluss gebaut werden. Ein zweites, etwa 600 Meter tiefer liegendes Becken, das Hasekbecken, soll als Auffangbecken der 10 Mio. Kubikmeter Wasser dienen. Über einen Kilometer lang und 600 Meter breit.

Beide Bürgermeister der Gemeinden Rickenbach und Herrischried, auf deren Gemarkung das Becken gebaut werden soll, zeigten sich anfangs überrascht. Der Bürgermeister der Gemeinde Herrischried, Christoph Berger, dazu:

 "Auf das zweite Hornbergbecken wäre ich aber nie gekommen", sagte er. "Vor allem, weil wir bei der Planung unserer Wasserversorgung vor wenigen Jahren bei der Schluchseewerk AG nach dem Becken gefragt hatten und uns gesagt wurde, man habe davon Abstand genommen."1)

 Die Nachfrage war berechtigt. In den 90´er Jahren wurde die Wasserversorgung der Gemeinden Herrischried und Rickenbach für 12 Mio. DM erneuert. Zahlreiche Quellfassungen erhalten ihr Wasser aus dem "Abhau" - dem geplanten Standort des neuen Beckens und drohen nun zu versiegen.

 Die Aussicht auf Arbeitsplätze, Aufträge für ansässigen Firmen und dem Becken als touristische Atraktion stimmte beide Bürgermeister positiv.

Nach der Aussage von Roland Baumgartner, dem Geschäftsführer der Hotzenwald-Tourismus GmbH eine gute Einnahmequelle: "Gerade bei schönem Wetter könnte es sich schon lohnen, Getränke und kleinere Speisen anzubieten"2), so Baumgartner.

"Das Unternehmen ist schon seit Jahren in der Region verwurzelt. Das gilt ganz besonders in Herrischried, das seit der Gemeindereform massiv von den Steuereinnahmen profitiert"1), betont Christof Berger gegenüber der Badischen Zeitung.

 "Beide erwarten keine großen Widerstände in der Bevölkerung"1), so die Zeitung.

 Letzteres traf nicht zu. Erste Protest aus der Bevölkerung wurden von Manfred Rost, Technischer Vorstand der Schluchseewerk AG, als "...romantisch-emotional und sehr stark lokal geprägt3) bezeichnet. Sorgten sich doch zuerst die direkt Betroffenen um ihre Heimat. Nach der Aufnahme des Schwarzwaldes neben dem Great Brier Reef, dem Grand Canyon und anderer Naturschönheiten der Erde in die Auswahl der "New 7 Wonders of Nature", der neuen 7 Naturwunder, scheint ihr Anliegen mehr als berechtigt. Selbst Christoph Berger schreibt, der Hotzenwald "...bietet nicht nur Natur pur, sondern wirklich auch Ruhe und Abgeschiedenheit."4)

Doch selbst ohne Emotionen sind die Angaben der Schluchseewerk AG zur Notwendigkeit des Pumpspeicherkraftwerks fraglich.

 So steht zum Beispiel Im Flyer zum neuen Projekt:

"In den nächsten Jahren wird durch den geplanten weiteren Ausbau der Windenergie in Deutschland mit einer steigend schwankenden Stromerzeugung zu rechnen sein."5)

Hintergrund ist folgender:

Bislang war für die Stromanbieter nur der Bedarf an elektrischer Energie unbekannt. Durch regenerative Energien kommt nun angeblich eine nicht vorhersehbare Unbekannte hinzu. Nicht nur die Nachfrage, auch das Angebot an elektrischer Energie kann schwanken. Für die Schluchseewerk AG ist dieser Umstand "steigend schwankend". Zum Ausgleich dieser Schwankungen müssen die Stromanbieter so genannte "Regelleistung" bereitstellen. Damit kann kurzfristig ein möglicher Engpass zwischen Stromangebot und -nachfrage gedeckt werden. Diese Energie kann aus Kraftwerken stammen, die kurzzeitig ihre Leistung erhöhen oder verringern.

Mit der Thematik der Regelleistung beschäftigte sich auch die dena, die Deutsche Energie-Agentur in ihrer dena-Netzstudie. An der Studie waren unter anderen auch das Bundesministrium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, das Bundesamt für Wirtschaft und Arbeit, die RWE Transportnetz Strom GmbH sowie die E.On Netz GmbH und die Vattenvall Europe Transmission GmbH beteiligt.

Ziel war die energiewirtschaftliche Planung für die Netzintegration von Windenergie in Deutschland an Land und Offshore bis zum Jahr 2020.

 Die Studie kommt in Bezug auf die Regelleistung zu dem Ergebnis: "Die Bereitstellung der Regel- und Reserveleistung kann aus dem in der Studie entwickelten Kraftwerkspark und seiner Betriebsweise gedeckt werden. Dazu sind keine zusätzlichen Kraftwerke zu installieren und zu betreiben."6)

Der in der Studie entwickelte Kraftwerkspark beinhaltet keine neuen Pumpspeicherkraftwerke.

Die Schluchseewerk AG führt weiter an, dass es durch die hauptsächlich im Norden Deutschlands installierten Windkraftparks (an Land und Offshore) zu einem Erzeugungsüberschuss in Norddeutschland kommen kann.

Um "die Einschränkung der regenerativen Erzeugung zu vermeiden", so die Schluchseewerk AG, sei eine Speicherung in Speicherbecken notwendig. "Strom in großen Mengen anderweitig zu speichern ist technisch nicht möglich"5), heißt es weiter. Zu einem solchen Stromüberschuss kann es kommen, wenn wenig Energie benötigt wird, aber ein starker Wind weht (Schwachlast-Starkwind). Ein Zustand, der an wenigen Tagen im Jahr auftreten kann. Da Atom- und Kohlekraftwerke bauartbedingt immer weiter Strom produzieren kann es zu einem Überangebot kommen.

Tatsache ist:

Den produzierten Strom der Windkraftanlagen vom Norden in den Süden zu transportieren ist wegen der Übertragungsverluste (man rechnet mit etwa 2,9% pro 100 Kilometer) kein Argument. Aus diesem Grund beträgt auch die Distanz von der Stromerzeugung bis zum Kunden im Durchschnitt nicht mehr als 60 Kilometer.

Möglichkeiten, Strom mit geringen Verlusten z.B.: durch die HGÜ (Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung) über weite Strecken zu übertragen gibt es. Allerdings nicht in Deutschland und der Bau ist nicht vorgesehen.

Geplant ist vielmehr, die Energie aus den Windkraftanlagen bei Überproduktion dort zu speichern, wo sie entsteht. Die Druckluftspeicherung soll dafür eingesetzt werden. In den USA sind zwei dieser Anlagen seit vielen Jahren erfolgreich in Betrieb. Durchaus eine Möglichkeit also, "Strom in großen Mengen anderweitig zu speichern".

In der Werbung sieht man zur Zeit (Aug. 2009) einen Spot der RWE - der 50% der Schluchseewerk AG gehören - bei dem Ingo sein Elektroauto mit Strom lädt. Und wenn das nicht nur Ingo macht, sondern viele andere auch? Heute stand in der Zeitung: "Regierung beschließt Aktionsplan zum Elektroauto. 2020 sollen eine Million der mit Ökostrom betriebenen E-Fahrzeuge auf deutschen Straßen fahren und 2030 etwa 10 Millionen." Viel Speicherplatz. Und der kann sogar kurzfristig zur Deckung von Verbrauchsspitzen genutzt werden. Vehicle to Grid (V2G), also Fahrzeug ans Stromnetz ist das Stichwort.

Und es kommen noch mehr Alternativen: Heute schon gibt es Modellregionen wie zum Beispiel die "MeRegion" der EnBW - der 37,5% der Schluchseewerk AG gehören - in der elektrische Verbraucher gezielt an und ausgeschaltet werden. So kann die Waschmaschine waschen, wenn der Strom gerade günstig ist. Das spart den Kunden Geld. Und wann ist der Strom günstig? Wenn viel Strom produziert wird und eigentlich gespeichert werden müßte. Ebenso in die andere Richtung. Wenn der Bedarf besonders hoch ist (z.B. mittags beim Kochen) muss die Gefriertruhe nicht auch noch laufen. So werden die Spitzen im Stromverbrauch glattgebügelt.

Weshalb also ein neues Pumpspeicherkraftwerk?

Den wahren Grund des Bauvorhabens möchten die Kraftwerksbetreiber für sich behalten. Auch die Profite.

An der Strombörse EEX (European Energy Exchange) kostete der Strom heute Nacht (27.07.2009) im Durchschnitt 10,31 €Cent/KWh. Zwischen 11 und 15 Uhr durchschnittlich 52,42 €Cent/KWh. Ein gutes Geschäft. Nachts mit billigen Strom aus Grundlastkraftwerken die Speicher füllen und tagsüber die wiedergewonnene Energie teuer verkaufen. So genannter Spitzenstrom ist um ein Mehrfaches teurer als Grundlaststrom.

Geht es also um die Bereitstellung von Regelenergie zur Stabilisierung des Netzes oder um die Veredelung von Strom aus Atom- und Kohlekraftwerken?

 Selbst der Bürgermeister der Stadt Wehr und Befürworter des Projekts, Michael Thater, gab in einer kürzlich stattgefundenen Veranstaltung zu: "Netzstabilität ist nämlich die eine Sache, Spitzenstrom zu erzeugen jedoch eine ganz andere.“7)

 Für manche mag der Erhalt dieser einmaligen Naturlandschaft romantisch-emotional verklärt sein und kein Grund das Becken nicht zu bauen.

Wenn heute aber schon Alternativen wie Lastmanagement oder Elektroautos entstehen ist es nicht verantwortbar ganze Bergkuppen wegzusprengen, um 10 Mio. Tonnen Wasser den Berg hoch und runter zu transportieren.

 

 

 Martin

 

 

Schluchseewerk AG:

 

Die Schluchseewerk AG ist eine 50-Prozent-Tochter der RWE Power AG und eine 37,5 Prozent-Tochter der EnBW Kraftwerke AG, eine 7,5 Prozent-Tochter der Energiedienst AG sowie eine 5 Prozent-Tochter der Energiedienst-Holding AG

Energiedienst AG:

Die Energiedienst AG ist zu 100% Tochter der Energeidienst Holding AG

Energeidienst Holding AG:

Energeidienst Holding AG ist zu 76% Tochter der EnBW

 

EnBW

Die EnBW als Aktionär der Schluchseewerk AG gehört zu 45,01% der EDF (Électricité de France). Der staatsdominierte Kraftwerksbetreiber unterhält 58 Kernkraftwerke welteit. 74,5% des produzierten Stroms ist atomar hergestellt.

 

Quellen:

1)Badische Zeitung: 01.10.2008

2)Badische Zeitung: 27.09.2008

3) http://www.suedkurier.de/region/hochrhein/waldshut-tiengen/Grossprojekt-stoesst-auf-Widerstand;art372623,3822111

4)http://www.herrischried.de/sriscms/allgemein/grusswort.html

5)http://www.schluchseewerk.de/uploads/media/Flyer_Neubau_Schluchseewerk.pdf

6)dena-Netzstudie

7)http://www.suedkurier.de/region/hochrhein/wehr/Biologe-und-Ingenieur-sprechen-sich-gegen-Hornbergbecken-II-aus%3Bart372624,3874037